Metal-Yoga, Jägermeister-Pizza und Piratenlieder: Wir haben Mallorcas lautesten Urlaub mitgemacht

Einatmen … Wir schreien: „FULL!“ Einatmen … Wir schreien: „METAL!“ Einatmen … Wir singen: „Holiday!“ Namaste. Rund 50 Urlauber in Bandshirts, teils mit Bärten und Bierbäuchlein, sitzen diesen Sonntagmorgen (25.10.) im Halbkreis auf schwarzen Yogamatten. Der Programmpunkt Metal Yoga mit dem vielversprechenden Slogan „Breathe in, scream out“ am Hausstrand des Iberostar Waves Club Cala Barca erfreut sich großer Beliebtheit. Es ist ein kurzer Moment zumindest der inneren Ruhe, wenn es rundherum meist ziemlich laut ist.
23 Stunden zuvor: Ankunft der MZ im Hotel. Ein aufblasbarer Dino treibt einsam im Pool neben der Bühne. Wo sind denn alle? Da ertönen Klänge mitten aus einem Gebäudeblock: Gerade haben die „Balkonkonzerte“ angefangen. Frohgemute Metaller mit Badeschlappen ziehen von Balkon zu Balkon, wo abwechselnd Musiker eine Kostprobe geben und etwa von Seegurken singen, die sich die Eingeweide rauskotzen.
Altersdurchschnitt der Gäste: etwa 50 Jahre
Full Metal Holiday, das bedeutet den Volle-Dröhnung-Urlaub für Metalheads. 2018 fand die erste Ausgabe des Wacken-Ablegers auf Mallorca statt. Nun feiert das erfolgreiche Konzept, das in Kooperation mit dem Event-Reiseveranstalter „Willst-Du-weg“ organisiert wird, bereits die siebte Ausgabe. Dazu wird stets das gesamte Iberostar im Osten der Insel kurz vor dem Saisonende „gekapert“.
In diesem Jahr haben die Veranstalter erstmals noch eine Woche drangehängt. Ob das im kommenden Jahr wieder so sein wird, steht noch nicht endgültig fest. Der erste Block war komplett ausverkauft – macht rund 1.400 Leute –, der zweite nicht. Das All-inclusive-Komplettpaket mit sieben Übernachtungen, Flug und Transfer kostet ab 1.699 Euro. Altersdurchschnitt der deutschen Gäste: etwa 50 Jahre.

Urlauber beim Full Metal Holiday. / Pep Bonet
Eine Influencerin am Mittagstisch
Einige Ausscherer nach unten gibt es freilich: Noch etwas verschlafen setzt sich Inés Chamil zum Mittagessen auf die Terrasse. Ungeschminkt ist die junge spanische Metal-Influencerin erst auf den zweiten Blick zu erkennen. „Ich finde das Konzept supercool, es ist etwas ganz anderes. Und im Endeffekt kommt man dabei günstiger weg als bei großen Festivals, wo man noch Unsummen für Getränke ausgibt“, sagt sie.
Chamil war schon auf dem Wacken als spanische Content-Creatorin im Einsatz, aber Full Metal Holiday ist bis jetzt an ihr vorbeigegangen. Sie bleibt eine ganze Woche. Die Mission: das Festival beim spanischsprachigen Publikum bekannter zu machen, die Kunde auf TikTok und Instagram zu verbreiten, wo sie zusammen mehr als 300.000 Follower hat. Der Prozentsatz der deutschen Gäste sinke, meint sie: „In der zweiten Woche nehme ich das Event internationaler wahr. Man bemüht sich darum, die Gäste und Bands von hier stärker einzubeziehen.“

Die spanische Metal-Influencerin Inés Chamil, hier aber gestylt und geschminkt beim Abendessen im Hotel. / B. Rohm
Die Influencerin macht vor allem Content mit dem Publikum. „Ich versuche, beide Kulturen zusammenzubringen“, betont sie. So hat Chamil sich die „lustigsten Deutschen“ dieser Edition für ein Video erbeten – und geriet an die zwei Musiker der „Heavy-Unplugged“-Band Mit ohne Strom aus Schwetzingen. Die haben in den vergangenen Tagen zwar ein „grottengutes“ Konzert aus einer Höhle heraus gespielt, während die Zuhörer auf Schwimmringen im Meer schaukelten. Beim spanischen Kultur-Quiz mit Chamil gingen sie aber bei manch einer Frage baden: „Sie wussten nicht, was tortilla de patatas ist und dachten, da wäre Ananas drin“, erzählt sie halb amüsiert, halb schockiert.
Wie dekadentes Wacken
Der Nachmittag kommt geruhsam in Gang. Man erzählt sich Geschichten von einem Gast, der beide Wochen gebucht habe und akribisch seinen Bierkonsum protokolliere: 300 seien es schon, also 30 pro Tag. Exzesse wie am Ballermann erlebt man hier aber nicht wirklich: Metalheads sind in der Regel trinkfest und friedliebend. Aggressive Musik wirkt kathartisch, und ihre Hörer sind zumeist respektvoll, höflich und oft sanftmütige Teddybären.
Bestes Beispiel: Basti (45) aus Flensburg, bei dem die Lesung von Martin Semmelrogge auf der kleinen Strandbühne große Gefühle geweckt hat. „Er war SO toll, ich hätte echt fast geheult. Der hat so eine geile Stimme!“, sagt der Zwei-Meter-Hüne sichtlich bewegt. Auch sein Freund Dirk hatte „Gänsehaut vom Zeh bis in den Nacken“. Die beiden sind mit einer Wacken-Gruppe zum ersten Mal hier und „definitiv nicht zum letzten Mal“.

Die Wacken-Kumpanen Dirk und Basti. / B. Rohm
„Wir dachten uns: Mal Wärme, kein Schlamm, weiches Bett, heiße Dusche. Es ist ein bisschen wie ein dekadentes Wacken“, sagt Dirk. Das ruhige Nachmittagsprogramm finden sie super: „Du kannst nicht von morgens bis abends Konzerte hören. Das funktioniert nicht“, so Basti.
Martin Semmelrogge gehört praktisch zum Inventar. „Ich liebe diese Musik. Das ist ein Teil von meinem Herzen“, erklärt der deutsche Schauspieler, der seine selbstironische Autobiografie und den Musiker Mutz als Verstärkung mitgebracht hat. „Es ist natürlich schön, dass man auch hier seine Duftmarke setzen kann“, sagt er und lacht. „Die Leute lieben meine Storys!“

Musiker Mutz mit Martin Semmelrogge. / B. Rohm
Metal-Urlaub mit Kleinkind
Das gilt zumindest für die ältere Generation. Der mutmaßlich jüngste Gast, der 20 Monate alte Charlie, ist mehr daran interessiert, seinen Eltern Jacky (35) und Erik (36) auszubüxen und um den Pool zu flitzen. Der Kleine ist zum dritten Mal dabei –das erste Mal war er noch im Bauch der Mutter. Wenn es regnet, sei es hier mit Kindern schwierig, sagt Jacky. Diese Woche werde mehr für den Nachwuchs geboten: etwa Kinder-Yoga oder Kinder-Disco am Pool.
Die jungen Eltern haben sich extra ein teureres Zimmer mit Balkon zur Bühne gebucht, damit sie sich mit der Betreuung abwechseln können, ohne etwas zu verpassen. Sie schätzen besonders die Gemeinschaft beim Full Metal Holiday: „Es ist unheimlich leicht, Leute kennenzulernen. Keine fünf Minuten vergehen, dann spricht dich irgendjemand an, und du bist integriert“, so Jacky. „Die Leute sind sehr lebenslustig – die machen alles mit. Und nach drei Tagen hat man keine Stimme mehr.“

Erik, Jacky und der kleine Charlie. / B. Rohm
Frank und noch ein Frank
Jeden Tag finden ab dem späteren Nachmittag Konzerte statt – teils mit Top-Acts wie The Butcher Sisters (TBS), Dark Tranquillity oder Skindred. An diesem Samstag steht um 17 Uhr die deutsche Thrash-Metal-Band Accuser auf der Bühne. Etwas für Szene-Kenner. Ein Gast springt wie ein junges Reh die Treppen hinunter und ruft freudig: „Meddel!!“ Rund 30 Zuhörer schwingen im Takt das lange Haupthaar, viele andere verfolgen das Konzert entspannt im Sitzen.
Auch am Sonntag steht ein Konzert dieses temporeichen Metal-Subgenres an: Der deutsche Gitarrist Frank Blackfire, ehemaliges Mitglied einflussreicher Bands, gibt sich die Ehre. „Das eine ist zweite Liga, das andere die Champions League“, erklärt der mallorquinische Metalhead José Pozas fachkundig. Kurioserweise heißt auch der Accuser-Frontmann Frank. Wenn man keine Ahnung hat, sehen beide mit ihrem langen weißgrauen Haar genau gleich aus – wobei der erste Frank immerhin einen Bart trägt.

Der Frank ohne Bart: Gitarrist Frank Blackfire. / Pep Bonet
Unverwechselbar hingegen Lena Scissorhands, die Sängerin der moldauischen Nu-Metal-Band Infected Rain. Mit ihrer charakteristischen orangegelben Dreadlock-Mähne und ihrem roten Chiffon-Kleid fegt sie wie eine tanzende Flamme über die Bühne. Sie funkelt das Publikum an, als wäre sie die wilde indische Göttin Kali persönlich, während sie ihren gutturalen Gesang in die Abenddämmerung röhrt.

Eine Naturgewalt: Lena Scissorhands von der Band Infected Rain. / Carlos Libreros
Als Hauptact wird klassischer Heavy Metal mit melodischem Gesang des Norwegers Jorn serviert. Frank Thoms von Accuser mischt sich unters Volk und ist hellauf begeistert: „Es war so geil für mich als Gitarrist. Das sind alles alte Recken. Die wissen genau, was sie tun.“
Yogapose mit Teufelshörnern
Zweiter Tag, 10 Uhr morgens. Beim Metal Yoga wissen nicht alle, was sie tun. Das macht aber nichts. Lehrerin Moni, die hauptberuflich als Tätowiererin arbeitet, gibt den Kurs dieses Jahr zum ersten Mal – und setzt nach Aussagen einiger Teilnehmer auf weniger Karacho als ihre Vorgängerin. Semmelrogge macht auch mit und sagt später, dass ihm die Musik zu leise war. „Das Allerschönste bei diesen Metal-Veranstaltungen ist, dass die Gruppe so gemischt ist. Das hat man sonst bei keinem einzigen Yogakurs“, erklärt die Yogalehrerin.

Die Yogalehrerin Moni in Metal-Pose. / B. Rohm
Bei ihren Anleitungen schlägt sie immer wieder überraschende Brücken: „Tatsächlich sind unsere Devil Horns das Apana Mudra – eine yogische Handhaltung.“ Sie aktiviere den abwärts gerichteten Energiestrom im Körper. „Wir machen ganz viel bei Konzerten, was wir auch im Yoga auf der Matte tun“, meint sie. Bei Musikfreunden, die Konzertdrang verspürten, stecke der Wunsch dahinter, „loszulassen und das Leben mal wieder zu spüren“. Mit guter Musik, die die Seele berühre, funktioniere das ganz besonders gut.
Live-Kochshow „Herdbanger“
Die Auswahl passt: Wir gehen zu „Killing in the Name“ in die Kriegerpose, bouncen rhythmisch in die Hüfte. „Jetzt kommen wir in unsere Power – mit Parkway Drive“, kündigt Moni an. Manche Songs sind weniger heavy als gedacht: Von Slipknot tönt die Ballade „Snuff“ aus dem Lautsprechen, und die Schlussentspannung zur Akustik-Version von „Wicked Game“ der Band Stone Sour ist fast so meditativ wie tibetanische Klangschalen.
Tief relaxt ist man wieder bereit für die nächste Runde Wahnsinn: Bei der Live-Kochshow „Herdbanger“ wird Pizza mit in Jägermeister eingelegtem Basilikum gekocht, während „Specki“, Drummer der Band In Extremo, sich live tätowieren lässt. Danach spielt die Piraten-Spaßband Katerfahrt Lieder mit Ohrwurm-Potenzial („Niemand hier, nur der Rum und wir“), während die anwesenden Kinder mit Ohrschützern vor der Bühne Wasserball spielen.

Die Party-Piraten von Katerfahrt am Sonntagnachmittag. / B. Rohm
Treff mit „Full Metal Hüby“
Dazwischen hat „Wacken-Imperator“ Holger Hübner, der überall gleichzeitig zu sein scheint, kurz Zeit zum Plaudern. „Wir wollen auch spanisches Publikum hier haben“, sagt er. „Die Metaller in Spanien sind super drauf. Und hier in Palma haben wir einen sehr guten Draht zur Metal-Kneipe Excalibur.“ Wichtig sei ihm zu zeigen, „dass wir hier mit Respekt und Wertschätzung gerne Gast sind und uns dementsprechend benehmen.“
Dazu gehöre auch, nationale und lokale Bands im Line-up zu haben. Letztere sind übrigens oft happy, wenn sie zum Full Metal Holiday eingeladen werden: Für einige Mitglieder von Brute Force und Lyra’s Hëll war das Erlebnis im Jahr 2025 so besonders, dass sie sich als Andenken kollektiv ein Piña-colada-Tattoo stechen ließen.

Wacken-Imperator Holger Hübner. / B. Rohm
„Full Metal Hübys“ wichtigstes Kriterium für die Bandauswahl: Sie sollten bestenfalls nicht nur ihre eigene Show durchziehen, sondern für jeden Spaß zu haben sein. „Wir haben hier ein Festival zum Anfassen. Die Fans sind dicht dran. Die können hier auf die Bühne springen und mit den Bands feiern“, sagt Hübner. Oder etwa Lena Scissorhands beim Salatbuffet erspähen.
Ganz nah dran an den Stars
Andrea (52) aus Düsseldorf, die mit ihrem Mann zum zweiten Mal dabei ist, findet genau diesen Aspekt ganz wunderbar: „Das Familiäre und dass man die Band, die man cool fand, hinterher noch zum Quatschen trifft.“ Sie nutzt die Gunst der Stunde, um den Bassisten Alberto von der mallorquinischen Band Whoremageddon anzusprechen und von ihm einen Aufnäher für ihre pinke Metal-Kutte zu bekommen.

Alberto von Whoremageddon mit Fan Andrea. / B. Rohm
Und beim Meet & Greet mit der finnischen Ikone Tarja Turunen – ehemalige Frontfrau der Symphonic-Metal-Band Nightwish – bricht die Mallorquinerin Élide in Tränen aus. „Ich höre sie schon seit so vielen Jahren. Normalerweise ist man bei den großen Konzerten immer ganz weit weg“, sagt sie und tupft sich die verschmierten Augen ab.

Mallorquinischer Tarja-Fan und Full-Metal-Tagesbesucherin Élide. / B. Rohm
Élide kommt jedes Jahr für einen oder zwei Tage. Sie schätzt die Möglichkeit, große internationale Künstler zu sehen, die sonst nicht auf die Insel kämen. Wenn es günstiger wäre, würde sie die lange Fahrt öfter auf sich nehmen. Für Residenten gibt es Tagespässe (120 Euro) und Abendpässe (85 Euro). Dieses Jahr konnte man im zweiten Block erstmals auch drei oder vier Übernachtungen im Paket buchen. Für Élide immer noch zu teuer, doch Urlaubsfeeling bekomme sie trotzdem. Und an diesem Abend dazu die Metal-Magie mit dem opernhaften Gesang von Tarja, Königin der Nacht.

Die finnische Metal-Ikone Tarja Turunen verzaubert das Publikum. / Carlos Libreros
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