Wie eine Wunderkammer: Diese Ausstellung in Palma zeigt Kunst und Kurioses

In den Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten, die bis ins 19. Jahrhundert üblich waren, gab es keine klare Trennung zwischen Kunst und Raritäten. Den Geist dieser Vorläufer der heutigen Museen ließ die Kuratorin Raquel Victoria nun im Kulturzentrum Can Balaguer wieder aufleben. Zwar stehen hier 13 renommierte mallorquinische Künstler im Fokus – Amador, Joan Ramon Bonet, José Manuel Broto, Maria Carbonero, Toni Catany, Joan Costa, Ñaco Fabré, Rafa Forteza, Pep Llambias, José Luis Maraver, Francesca Martí, Horacio Sapere und Josep Maria Sirvent. Aber ihre Werke sind einmal wild gemixt mit „Artefakten“ aus ihrem natürlichen Habitat.
„Ich war schon immer neugierig – eine Entdeckerin, Forscherin, kurzum: eine richtige Schnüfflerin“, sagt Victoria. Als Kind streifte sie durch das Haus ihrer Großeltern, „als wäre ich Indiana Jones, überzeugt davon, dass sich in jeder Schublade ein Schatz verbarg“. Dieses Gefühl der Vorfreude und Verheißung war die treibende Kraft für das kuratorische Forschungsprojekt, das sich durch etliche Räume des Herrenhauses zieht. Victoria wühlte in diesem Fall einmal nicht in Opas Kisten, sondern in den Ateliers. Und wie ein begnadetes Trüffelschwein förderte sie allerhand zutage.
Kreativer Schaffensprozess
Zum Beispiel Jazz-CDs von Rafa Forteza – „denn jedes Mal, wenn ich Rafa besuche, reden wir nicht über Malerei, sondern über Jazz, und er hört beim Arbeiten immer Musik“– oder Platten von Joan Ramon Bonet, in diesem Fall wirklich von ihm, denn er ist auch Musiker. Oder eine leicht gruselig anmutende Puppe, die Francesca Martí als Ausgangsmaterial für eine Skulptur dienen sollte, aber seit geraumer Zeit unangetastet ihr Dasein in einer Kiste fristete. Und eine Fotoserie von 1994, die José Luis Maraver beim Malen tanzender Aktmodelle zeigt. „Die habe ich in seinem Haus gefunden und darum gebeten, sie mitnehmen zu dürfen. Er sagte: Aber das sind doch keine Kunstwerke!“, erzählt Victoria.
Zuweilen sei es schwierig gewesen, den Künstlern begreiflich zu machen, dass sie weniger die Resultate interessierten als Objekte und Dokumente, die von den Menschen dahinter und ihrem kreativen Schaffensprozess erzählen. Ein weiteres „Hindernis“: Die Atelierbesuche waren naturgemäß eine zutiefst persönliche Angelegenheit, die von Ablenkungen wie erhellenden Gesprächen, gemeinsamen Essen oder einer Tasse Tee begleitet wurden. „Manchmal musste ich sagen: Hör mal, ich bin zum Arbeiten hier …“, sagt Victoria.

Ein Gefüge aus Kunstwerken und kuriosen Raritäten. / Can Balaguer
Sie fischte aber nicht nur überraschende Zeugnisse aus der intimen Sphäre der Künstler heraus, sondern auch kaum oder noch nie beachtete Werke oder Arbeiten, die sonst in ganz anderem Kontext zu sehen sind. In einer Vitrine liegt etwa ein Reise-Skizzenbuch von José Manuel Broto, das noch nie ausgestellt wurde und Vorstudien für seine großen Gemälde enthält. „Man blättert es durch und jede Seite ist ein echtes Kunstwerk“, schwärmt die Kuratorin. Auch löste sie eine Skulptur von Joan Costa von ihrem Verwendungszweck als Preis beim Atlàntida Film Fest. Und sie stellte eine kuriose Installation von Ñaco Fabré aus, die zuletzt 2019 in der Fundació Sa Nostra präsentiert worden war: Sie heißt „Telephone drawings“ und besteht aus einer gläsernen Kabine, die über und über von Kritzeleien bedeckt ist, die der Künstler zwischen 1989 und 2019 beim Telefonieren schuf. Das Potpourri aus Zeichnungen und kryptischen Notizen passt hervorragend in diese Wunderkammer, da sie selbst ein Mix aus Kunst und Kuriosem ist.
Einführung in das Universum der beteiligten Künstler
Im ersten Ausstellungsraum dient eine dunkelblau gestrichene Wand zunächst als Einführung in das Universum der beteiligten Künstler: Jeder von ihnen ist mit einem eher klassischen Werk mit Wiedererkennungswert und mit einer Kurzbiografie repräsentiert. Die Art, wie dieses Gefüge gehängt ist, als eng nebeneinander drapierte Exponate mit Erklärungstafeln, lässt mehr an eine archäologische oder ethnografische Ausstellung als an Kunst aus unserer Zeit denken: „Als ich das Ergebnis vor mir hatte, sagte ich: Das sieht ja wirklich aus wie im CaixaForum“, so Victoria. Ein Kniff, der den Besuchern signalisieren soll, dass es hier auch um den Kontext geht.

Die Installationen treten in einen Dialog mit dem historischen Herrenhaus. / Can Balaguer
In den übrigen Räumen findet eine spannende Begegnung zwischen historischer Architektur und Mobiliar des Herrenhauses mit den Ausstellungstücken statt. Und auch mit den Strukturen, auf denen sie in den meisten Fällen präsentiert sind. Die titelgebenden „Taules“ (wörtlich: Tische) sind vielseitig einsetzbare Module aus recyceltem Holz, mit denen Victoria schon seit ihrem Studium arbeitet. Der Kontrast zwischen der formalen Strenge dieser Elemente und der Ornamentik der Säle schafft einen Raum, in dem sich Zeitebenen und Materialien kreuzen. „Es ist der Versuch, ein zeitgenössisches Kuriositätenkabinett in einem nicht-zeitgenössischen Haus zu errichten, eine Reise von der Vergangenheit in die Gegenwart“, sagt die Kuratorin. Sie habe nicht nur ein Faible für Abenteuerfilme, sondern auch für „Zurück in die Zukunft“.
Auch die Besucher sollten eine gute Portion Neugier mitbringen. Der Rundgang ist dazu gedacht, sich aktiv auf eine Entdeckungstour zu begeben, zu staunen und sich angesichts der teils rätselhaften Gegenstände dieselben Fragen zu stellen wie Victoria bei ihrer „Expedition“: Was ist denn das? Und welche Geschichte verbirgt sich wohl dahinter? Der Blick und die Vorstellungskraft des Betrachters im Gegenüber mit den Werken ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Klare Antworten wird man dabei nicht finden. Aber vielleicht seinen inneren Indiana Jones erwecken.
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