Christoph Steinmeyer zeigt rätselhafte Bildwelten bei Pelaires in Palma

Eine Unterhaltung mit Christoph Steinmeyer (Düsseldorf, 1967) ist das reinste Vergnügen. Nicht nur deshalb, weil der Künstler, der selbst Kunstgeschichte und Philosophie studierte, erwartungsgemäß geistreich und humorvoll ist. Sondern vor allem, weil er sich selbst nicht so schrecklich wichtig nimmt. „Ich muss mir das manchmal selbst erklären, was ich da gemacht haben könnte“, sagt Steinmeyer beim Gespräch mit der MZ. Und so artet der Rundgang durch die Ausstellung „En cada comienzo habita un fin“ (Jedem Anfang wohnt ein Ende inne), seiner ersten in der Galería Pelaires, nicht etwa in einen hochtrabenden Monolog über die tiefe Bedeutung hinter den Werken aus – er möchte sie offen halten. So hat das Unterfangen mehr von einer gemeinsamen Entdeckungstour voller Rätsel.
Die Werke im Erdgeschoss bei Pelaires: seltsame Motive, viele Lesarten
Los geht es im Erdgeschoss mit einer Reihe von hyperrealen, narrativen, für manch einen gar mit Symbolen überfrachteten Ölgemälden. Grisaille – also Malerei, die ausschließlich in Grau, Weiß und Schwarz daherkommt –, wobei Steinmeyer hier tatsächlich gar kein reines Schwarz, sondern Farben verwendete, um diesen Effekt zu erzielen. Je näher man den Bildern kommt, desto mehr schimmert subtil eine Farbigkeit durch. Und je länger man die Arbeiten betrachtet, desto mehr Fragen werfen die seltsam erscheinenden Motive auf.
Da sind etwa die gegenüber gehängten Werke „Challenge“ und „Vertreibung“. Beide zeigen in verschiedenen Formaten dasselbe: Das Space Shuttle Challenger, das kurz nach dem Start explodierte, steigt aus einem See empor. Am Ufer: eine verwaiste Aussichtsbank. „In so einer Situation gibt es normalerweise Menschen, die sich das angucken. Aber da sind keine Menschen. Also, entweder sitzen die alle in der Raumfähre oder sie sind alle weg – oder es interessiert niemanden. Kann man sich aussuchen“, kommentiert Steinmeyer. Wenn man möchte, so der Künstler, erzählen die Bilder eine „komische Geschichte“.

„Challenge“ und „Vertreibung“ von Christoph Steinmeyer zeigen dasselbe Motiv. / David Bonet
Im zweiten Teil des Saals sind immer im Wechsel Werke gehängt, die zwei andere Erzählungen bereithalten. Das titelgebende „In Every Beginning Dwells an End“ und die großformatigere Version „Shout to the Top“ zeigen ebenfalls eine vieldeutige Szenerie (Bild links oben): „Für den einen hat da vielleicht ein Wanderer etwas vergessen, für den anderen ist ein abgebissener Apfel ein religiös aufgeladenes Symbol – der Apfel der Erkenntnis, geopfert auf dem Altar des Lebens. Für meine Tochter ist es der Apfel von Schneewittchen auf einer Tischtennisplatte“, so der Künstler. Wer die tiefgründigere Interpretation bevorzugt, kann hier – so der Vorschlag des äußerst gelungenen Ausstellungstextes – einen Verweis auf die Erkenntnis als irreversiblen Akt sehen. Hier ist nicht die Versuchung oder der Biss in die Frucht dargestellt, sondern der Zustand danach, Ende und Anfang zugleich.
Die vier übrigen Werke zeigen Variationen eines nicht minder kuriosen Sujets: Erneut teilt hier ein mittiger Horizont die Bilder. Wir sehen das Meer, den wolkigen Himmel und im Zentrum jeweils ein monumentales Wasserglas – teils mit wild herausschwappenden Wellen. Inhalt und Untergrund sind gleichermaßen Flüssigkeit. Die Kompositionen wirken wie altmeisterlich gemalte Stillleben, gebeamt in eine Landschaft, die dem Romantiker Caspar David Friedrich gefallen hätte.
Surrealismus sei dies nicht, betont Steinmeyer. Denn zum einen schöpften Werke von Dalí und Co. aus dem Unterbewussten und den Träumen. „Da krabbelt eine Ameise herum, die für die Erektionsprobleme oder das Grundproblem des Malers mit seiner Mutter steht“, führt er salopp aus. Zum anderen kreierten surrealistische Bilder eine neue Wirklichkeit, die in sich stimmig sei. Bei seinen Werken funktioniere diese Wirklichkeit aber nicht. „Und irgendwie funktioniert die insgesamt nicht so richtig bei mir“, sagt der Künstler. Es sei ein Gefühl, dass ihm „die Grundgeschichte abhandengekommen ist“ – eine Folge des Lebens der Menschen im Anthropozän, in dem sich so viele Gewissheiten auflösen.
Kunst im ersten Stock der Galerie: Eine Kontaktzone von Rot und Grün
Ob der erste Stock mehr sichere Antworten bereithält? Die Schau ist so konzipiert, dass die Besucher in beiden Etagen völlig verschiedene Annäherungen an die Malerei erleben. Nach der Entschlüsselungsübung der allegorischen Gemälde dürfen sie sich oben in die Wahrnehmung abstrakter Farbfeldmalerei versenken – und dafür sollte man sich Zeit nehmen. Acht „Encuentros“ (Begegnungen) der Komplementärfarben Rot und Grün entfalten hier eine magnetische Wirkung. Trotz der Wiederholung desselben Prinzips ist jedes Werk einmalig. Mal leuchten die Farben, mal wirken sie matt, die Töne sind alle unterschiedlich. Genau in der Mitte treffen die Farben in einer vertikalen „Kontaktzone“ aufeinander – und bilden eine für den Maler kaum kontrollierbare Mischfarbe. Hier gibt es eine „freundschaftliche“ Zusammenkunft, eine Gegnerschaft und dazu etwas ganz Neues.

Zwei Arbeiten aus der Reihe „Encuentros“, die im ersten Stock gezeigt wird. / David Bonet
Spannend ist hier auch der Entstehungsprozess: Steinmeyer malt diese Bilder in vielen einzelnen, dünnen Schichten, aber immer in einem Zug, ohne Unterbrechung (abgesehen von einer Tasse Kaffee oder einem ganz kurzen Nickerchen): „Mal dauert das ein paar Stunden und mal 30 bis 40 Stunden, und vor allen Dingen immer nur genau so lang, bis die Farbe trocken ist. Dann ist das Ganze nämlich vorbei“, erklärt der Künstler. Für diesen in sich geschlossenen Akt müsse er sich in einen bestimmten Geisteszustand versetzen, dem durchaus etwas Zen-Buddhistisches anhaftet. „Aber so meditativ ist der Vorgang bei der Malerei selbst gar nicht“, räumt er ein. „Da müssen Sie nämlich ziemlich zügig sein ...“
In der Begegnung der Komplementärfarben steckt gewissermaßen das ganze Spektrum sichtbarer Farbe – womit diese Bilder das komplette Gegenstück zu den Werken im Erdgeschoss bilden, und laut Steinmeyer „die Kehrseite der Medaille“ sind. Trennung und Verbindung geht hier Hand in Hand. Beide künstlerische Herangehensweisen dürfen koexistieren – und sind auf ihre Art faszinierend.
Christoph Steinmeyer, „En cada comienzo habita un fin“, bis 13. März, Galería Pelaires, Carrer Can Verí, 3, Palma, Di.–Fr. 10–16 Uhr, Sa. 10.30–13.30 Uhr, mehr Infos unter: pelaires.com
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